Er frisst mir aus der Hand – mehr Aufmerksamkeit durch Handfütterung

Beitragsbild_Handfütterung

Die meisten Hunde bekommen alles, was sie brauchen, umsonst, ohne jegliche Gegenleistung. Das Fressen wird ihnen pünktlich auf die Minute im Napf serviert, eventuell auch noch mit leckerer Wurst garniert. Man will ja schließlich seinem Liebling etwas Gutes tun. Mancher Vierbeiner wird mehr verwöhnt als der zweibeinige Partner. Hunde sehen häufig nicht die Notwendigkeit sich nach ihrem Menschen zu richten, weil sie nie erfahren haben, dass sie eigentlich von ihm abhängig sind. Das Resultat ist ein Hund, der zu festen Zeiten sein Fressen fordert und eine bessere Beziehung zum Futternapf pflegt als zum Halter. Durch die Fütterung aus der Hand stellt ihr nicht nur forderndes Verhalten eures Hundes zu den Fressenszeiten ab, sondern erfährt eine ganz neue Form von Aufmerksamkeit. Bei Hunden in der Pubertät kann diese Methode wahre Wunder bewirken.


Warum wir begonnen haben aus der Hand zu füttern..

Wie ein Wecker täglich um Punkt acht Uhr morgens weckte uns Jamie, indem er mit seinen Vorderpfoten ins Bett kletterte und uns das Gesicht abschleckte, zuerst bei Herrchen, wenn der nicht darauf reagierte, dann bei Frauchen. Auch wenn die letzte Gassirunde am Vorabend spät stattfand, weil Wochenende war, Jamie stand um Punkt acht wieder vor dem Bett. Versuchte man ihn zu ignorieren und weiterzuschlafen, zeigte er uns, wie verhaltenskreativ er nicht sein konnte: Es wurde gejammert, zuerst leiste, dann immer lauter, dann wurde auffordernd gebellt, zuerst wieder leise, dann lauter und schließlich, wenn das auch nicht half, dann nahm Jamie Anlauf und sprang ins Bett. Dort wurden Herrchen und Frauchen wieder abgesabbert oder er suchte sich einen Kopf aus, auf den er sich dann einfach draufsetzte. Wenn man nicht vom eigenen Hund erstickt werden wollte, dann war ans Hund Ignorieren nicht mehr zu denken. Jamie hatte erreicht was er wollte: Frauchen und Herrchen standen auf, um ihm sein Fressen zu servieren.

Da ich, eh nicht unbedingt als Morgenmensch bekannt, dieses tägliche Kasperltheater ganz und gar nicht gut fand, beschloss ich etwas zu verändern, nämlich die Fütterung.
Zum einen habe ich die festen Fütterungszeiten um 8 Uhr und um 18 Uhr langsam aufgehoben und zum anderen bekam Jamie sein Futter ein paar Wochen lang nur mehr aus der Hand.

Handfütterung

Mehr Aufmerksamkeit durch Fütterung aus der Hand

Bei der reinen Handfütterung gibt man dem Hund über den Tag verteilt das gesamte Fressen in kleinen Rationen aus der Hand. Mit Trockenfutter lässt sich diese Methode am einfachsten durchführen. Mit Hilfe der Handfütterung versucht man als Halter den äußeren Reizen, denen der Vierbeiner häufig mehr Aufmerksamkeit schenkt, entgegenzuwirken. Es gibt diverse Gründe, warum Herrchen oder Frauchen nicht wahrgenommen werden. Zum Beispiel, weil sie vom Hund nicht als souveräne Führungsperson gesehen werden oder weil der Hund mitten in der Pubertät steckt, selbstständiger wird und seinen Radius vergrößert.

Ziel der Handfütterung ist also die Aufmerksamkeit des Hundes auf sich zu richten. Hunde, die lernen Blickkontakt mit Herrchen oder Frauchen zu halten, können sich auch in stressigen Situationen besser auf den Halter konzentrieren.

Blickkontakt fördert ihr, indem ihr euren Hund erst dann belohnt, wenn er euch anschaut. Ihr gebt eurem Hund das Kommando >>Sitz<<, er setzt sich auch brav, schenkt euch aber keine Aufmerksamkeit. Ihr wartet also ab, bis er euch anschaut, lobt dieses Verhalten und gebt ihm erst dann die Belohnung.


So sieht Handfütterung bei uns aus…

Ich messe jeden Morgen Jamies tägliche Futtermenge ab und fülle sie in unsere Leckerlitaschen. Sein Frühstück verdient er sich schon während der ersten Gassirunde. Für jedes erwünschte Verhalten bekommt er Futterbrocken, je nach Leistung mal mehr mal weniger. Geht er brav an der Leine und hält Blickkontakt – Keks, wir gehen an der lockeren Leine an einem Hund vorbei – viele Kekse, er erschreckt sich, orientiert sich aber an mir – Keks, ich rufe ihn und er kommt sofort – Kekse, ich rufe ihn aus dem Spiel mit anderen Hunden – ganz, ganz viele Kekse… Auf unseren Spaziergängen erarbeitet er sich auf diese Weise seine Tagesration an Trockenfutter.

Eine Veränderung in Jamies Verhalten zeigte sich verblüffend schnell. Bereits am zweiten Tag hatte Jamie das  Prinzip verstanden und war viel, viel aufmerksamer und folgsamer. Man merkt auch, dass es ihm richtig Spaß macht sich das Futter zu verdienen. Er versteht jetzt, dass Herrchen und Frauchen die Ressourcen verwalten. Dazu gehören nicht nur Futter, sondern auch Spiel und Spaß.

Diese Methode habe ich ein paar Wochen durchgezogen, bis ich das Gefühl hatte, dass er sich gut an mir orientiert. Danach habe ich wieder auf die Fütterung aus dem Napf umgestellt, die festen Zeiten gibt es jedoch nicht mehr. Frühstück bekommt er mittlerweile erst, nachdem Herrchen und  Frauchen gefrühstückt haben und das ist täglich unterschiedlich. Damit hat er kein Problem mehr, er wartet geduldig oder schläft währenddessen noch eine Runde.

Sobald ich wieder das Gefühl habe, um Jamies Aufmerksamkeit kämpfen zu müssen, füttere ich ihn wieder zwei, drei Wochen aus der Hand. 


Tipps zur Handfütterung

Die Meinungen zur Handfütterung beim Hund sind gespalten. Befürworter der Methode sprechen von einer Stärkung der Hund-Mensch-Beziehung, andere meinen, sie verursache puren Stress beim Hund. Jeder Vierbeiner ist anders und ich denke als Hundehalter sollte man einschätzen können, ob diese Methode für den eigenen Hund geeignet ist oder nicht. Wenn ihr die Fütterung aus der Hand mit eurem Vierbeiner ausprobieren wollt, gibt es einiges zu beachten.

  • Ganz wichtig ist, dass ihr euren Hund nicht hungern lasst, indem ihr nur ein paar Futterbrocken füttert. Das kann den Hund unter enormen Stress setzen. Wenn ein Hund ständig auf der Suche nach Fressen ist, sind plötzliche Verhaltensveränderungen wie extreme Ressourcenverteidigung nicht auszuschließen. Eine ganz schlechte Idee wäre es auch, einen hungrigen Hund alleine zuhause zu lassen. 😉
  • Probiert die Fütterung aus der Hand zuerst daheim aus. Anstatt den Napf zu füllen, lasst ihr den Hund hinsetzen und gebt ihm das Futter aus der Hand. Hat der Hund das Prinzip verstanden, könnt ihr die Fütterung auch draußen in einer reizstärkeren Umgebung durchführen. Er wird lernen, dass es auch hier von Vorteil ist, Kontakt zu euch zu halten.
  • Um zeitlichen Erwartungshaltungen beim Hund entgegenzuwirken, versucht nicht zu regelmäßig zu füttern. Hattet ihr bislang aber feste Fütterungszeiten, dann versucht diese langsam abzubauen. Überrascht den Hund, indem ihr ihm sein Fressen schon etwas früher erarbeiten lasst oder zögert es etwas hinaus. Lästiges forderndes Verhalten hat somit keine Chance.
  • Füttert euren Vierbeiner an unterschiedlichen Orten, in unterschiedlichen Situationen und in variablen Mengen. Hat er etwas wirklich toll gemacht, darf die Belohnung auch entsprechend groß ausfallen.
  • Vergesst nicht auf das Loben. Futter ersetzt Lob nicht. Hat euer Hund etwas wirklich gut gemacht, dann zeigt ihm auch, dass ihr euch freut.
  • Belohnt euren Vierbeiner draußen auch für freiwillige Kontaktaufnahme, aber nicht fürs Betteln.
  • Überrascht euren Hund zwischendurch auch mal mit einem besonderen Leckerbissen, wie etwas Käse oder Wurst. Ihr werdet sehen, dass eure Fellnase noch etwas aufmerksamer wird.
  • Seit ihr mit eurem Hund länger unterwegs, dann denkt daran, für ausreichend Wasser zu sorgen.

Mein Fazit

Diese Methode ist nicht für jeden Hund und sicherlich nicht für jeden Hundehalter geeignet. Nicht jeder möchte mit Hundefutter in den Taschen spazieren gehen und die ständig abgesabberten Hände sind auch nicht jedermanns Sache. Außerdem muss man dem Vierbeiner die Chance geben, sich sein Futter zu verdienen und das beansprucht im Vergleich zur Napffütterung viel Zeit.

Ich setze die Handfütterung ab und zu ein, um Jamie in Erinnerung zu rufen, woher sein Fressen kommt. Von einer ausschließlichen Handfütterung würde ich aber abraten.
Ganz nett finde ich auch die Kombination aus klassischer Napffütterung und Handfütterung. Dabei bekommt der Hund eine Mahlzeit im Napf, während er sich die zweite über den Tag verteilt erarbeiten darf. Der Hund ist dadurch weniger gestresst, weil der erste Hunger gestillt ist.

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